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Theorie und Technik

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Raum sehen

Räumliches Sehen wirkt selbstverständlich. Man schaut in die Welt und sieht sie in die Tiefe gestaffelt, ohne darüber nachzudenken. Tatsächlich ist dieser Eindruck keine direkte Abbildung der Wirklichkeit, sondern eine Rekonstruktion: Aus zwei flächigen Bildern auf der Netzhaut berechnet das Gehirn eine räumliche Ordnung. Die Stereofotografie versucht, diesen Vorgang nachzubilden. Wer das versteht, versteht auch, warum ein Raumbild nur dann überzeugt, wenn die Aufnahme technisch stimmt.

Zwei Augen, zwei Bilder

Unsere Augen stehen etwa 6,5 cm auseinander. Der genaue Abstand schwankt zwischen 55 und 75 mm. Der Mittelwert von 65 mm hat sich als Bezugsgröße eingebürgert. Weil die Augen an verschiedenen Orten sitzen, sehen sie die Welt aus zwei leicht unterschiedlichen Perspektiven. Bei einem nahen Gegenstand ist der Unterschied deutlich, bei einem fernen kaum noch messbar.

Die beiden Netzhautbilder sind also nicht identisch. Sie unterscheiden sich in der Lage der Gegenstände zueinander: Was das linke Auge etwas weiter rechts sieht, erscheint dem rechten Auge etwas weiter links. Diesen seitlichen Versatz nennt man Querdisparation. Er ist die wichtigste Grundlage des räumlichen Sehens.

Was das Gehirn daraus macht

Das Gehirn vergleicht die beiden Bilder Punkt für Punkt. Aus dem seitlichen Versatz entsprechender Bildpunkte entsteht ein Tiefeneindruck, die sogenannte Stereopsis. Dabei gilt: Je größer der Versatz, desto näher liegt der Gegenstand in der Regel vor uns – jedenfalls solange die Abweichung innerhalb des Bereichs bleibt, den das Gehirn noch verschmelzen kann.

Zusätzlich nutzt das Sehen die Konvergenz: Beim Blick auf einen nahen Punkt drehen sich die Augenachsen nach innen. Diese Stellung wird ebenfalls ausgewertet, vor allem im Nahbereich. Sie erklärt, warum wir Entfernungen bis in den Armbereich recht zuverlässig schätzen können.

Nah und fern: die Grenzen

Mit zunehmender Entfernung wird der perspektivische Unterschied zwischen beiden Augen immer kleiner. Ab etwa 50 Metern ist er so gering, dass er für die Tiefenwahrnehmung praktisch keine Rolle mehr spielt. Alles, was weiter entfernt ist, wird nicht mehr stereoskopisch unterschieden, sondern mit anderen Mitteln.

Diese Grenze ist keine feste Konstante. Sie hängt vom Augenabstand, von der Sehschärfe und von der Beschaffenheit des Motivs ab. Für die Stereofotografie ist sie trotzdem eine brauchbare Orientierung: Ein Raumbild lebt von dem Teil des Motivs, der innerhalb dieser Entfernung liegt. Der ferne Hintergrund wirkt flach, und das ist kein Fehler, sondern entspricht dem natürlichen Sehen.

Monokulare Tiefenkriterien

Auch mit einem Auge lässt sich Tiefe erkennen. Das Gehirn nutzt dafür eine Reihe von Hinweisen, die man monokulare Tiefenkriterien nennt:

Diese Kriterien sind auch in der Stereofotografie wichtig. Sie tragen den Hintergrund, wenn die stereoskopische Tiefenwirkung endet, und sie unterstützen die Raumwirkung im Mittelgrund. Im Portal Gestaltung spielen sie deshalb eine zentrale Rolle.

Erfahrung und Erwartung

Sehen ist kein Messen. Das Gehirn nutzt Erfahrung, Erwartung und Wahrscheinlichkeit. Das hat zwei Folgen, die für die Stereofotografie wichtig sind.

Erstens: Ein Raumbild kann durch Erfahrung "korrigiert" werden. Ein bekannter Gegenstand wirkt auch dann richtig groß, wenn die Basis nicht ganz stimmt. Zweitens: Widersprüchliche Informationen erzeugen Unbehagen. Wenn die Perspektive etwas anderes sagt als die Querdisparation, entsteht ein Konflikt, den man als unangenehm empfindet. Genau das passiert bei vielen technischen Fehlern – etwa bei einer falsch gewählten Basis, bei Höhenfehlern oder bei einer Vertauschung der Halbbilder.

Was daraus für die Stereofotografie folgt

Aus dem Wahrnehmungsvorgang ergeben sich die technischen Anforderungen fast von selbst:

Die folgenden Seiten erklären diese Punkte der Reihe nach. Wer die Wahrnehmung verstanden hat, wird viele Regeln nicht mehr als Vorschrift empfinden, sondern als logische Folge.